Pferderennen, Zirkusparteien

Die frühsten bekannten Spiele, die ludi romani, wurden zur Einweihungsfeier für den Tempel des Kapitolinischen Jupiter veranstaltet. Ab etwa 220 v. Chr. fanden die ludi plebeii statt, die zu Ehren Jupiters gefeiert wurden. Außerdem gab es die seit 208 v. Chr. jährlich stattfindenden ludi apollinaris. Wagenrennen, athletische Darbietungen, Ringkämpfe, Gladiatorenspiele und Tierhetzen gehörten zu solchen Spielen.

Dazu kamen im Circus Flaminius die ludi taurrii, die zu Ehren der Unterweltgottheiten veranstaltet wurden. Zunächst gab es die Spiele, um den Göttern zu danken, später wurden sie auch von Einzelpersonen ausgerichtet, um das Volk für sich zu gewinnen.

Die letzten Wagenrennen des antiken Roms veranstaltete im Jahr 549 n. Chr. der Ostgotenkönig Totila.

Die Pferdewagenrennen wurden nicht nur mit zwei Pferden vor den kleinen zweirädrigen Wagen, den bigae, ausgetragen, sondern in der Regel mit vier. Doch die Zahl der Pferde wurde immer weiter erhöht. Dabei erhöhte sich aber die Geschwindigkeit nicht, allerdings mußte der Lenker mehr Geschicklichkeit aufbringen, um den Wagen unter Kontrolle zu halten. Die Pferde wurden nicht hintereinander, sondern nebeneinander gespannt. Die Rennfahrer stammten meist aus kleinen Verhältnissen. Nicht selten kamen sie aus dem Sklavenstand und waren wegen ihrer sportlichen Fähigkeiten freigelassen worden. Hatten sie viele Siege aufzuweisen, so feierte man sie als Stars.

Den großen Bedarf an Rennpferden konnte Italien selbst nicht decken. Deshalb bezog man die Pferde auch aus den Provinzen. Ein Rennpferd wurde mit drei Jahren ins Training und mit fünf Jahren zum erstenmal in die Rennbahn gebracht.

Der Circus maximus im Rom fasste über 250000 Menschen. Hier gab es keine getrennte Sitzordnung für Männer und Frauen wie im Theater oder Amphietheater. So konnte man leicht Bekanntschaften schließen.

Wenn die Gespanne aus ihren Boxen (erst acht, später zwölf ) stürmten, stand der ganze Zirkus Kopf. Moderne Sportreporter pflegten diese Atmosphäre einen "Hexenkessel" zu nennen. Es gab die unterschiedlichsten Emotionen: Aufregung und Anspannung, Angst und Hoffnung, Jubel und Niedergeschlagenheit. Nur wenige ließen sich nicht von diesem Wahnsinn anstecken und fanden diese "alberne, eintönige Sache" einfach nur langweilig. In ihrer Organisation, ihrer Popularität und unter noch sehr vielen anderen Aspekten weisen die Wagenrennen große Ähnlichkeit mit unserem Fußballsport auf.

Der Circus maximus hatte eine Länge von 600 m und eine Breite von 150 m. An der Westseite lagen die Boxen für die Gespanne, die careres, die anfangs aus Holz, später aus Tuffstein oder Marmor bestanden. Die Arena, ein sandiger Platz war vollständig eben. Der Sand hatte den Zweck, den Aufschlag der hufeisenlosen Pferde zu mildern. Durch die Mitte der Arena verlief eine Aufschüttung, die sie in zwei Bahnen teilte. Um diese spina herum mußten die Lenker ihre Rennwagen führen. An jedem ihrer Enden standen drei Malzeichen in Form eines Kegels aus vergoldeter Bronze (metae) zur deutlichen Markierung. Auf der spina standen Statuen, Altäre und zwei Gestelle. Auf dem einen waren Eier aufgebaut, auf dem anderen Delphine (Sie waren Neptun, der auch als Pferdegott verehrt wurde, heilig). Beide dienten der Orientierung des Zuschauers bei den Wagenrennen. Mit Hilfe dieser Zählwerke wußte der Zuschauer genau, in welcher Runde sich das Rennen befand, da nach jeder der sieben Runden ein Ei bzw. ein Delphin herabgenommen wurde. Den Hauptschmuck der spina bildete der Obelisk von Ramses II., den Augustus aus Heliopolis mitgebracht hatte.

Die Sitzreihen bestanden anfangs aus Holz. Dies war mit der Gefahr des Einsturzes verbunden. Später wurden für die Senatoren Steinplätze errichtet. Die Bodengänge des Untergeschosses dienten als Eingang, teilweise führten sie in Tabernen, in den Speisen, Getränke, Backwaren und Obst verkauft wurden. Auch Wahrsager und Astrologen boten sich hier an.

Es war Sitte, vorher oder kurz vor Beginn des Rennens Wetten über den Sieg abzuschließen, wobei die Ärmeren ihre Sparpfennige, die Reichen aber oft enorme Summen setzten.

Wenn der Spielgeber durch Fallenlassen eines Tuches das Startsignal gab, stürzten die Gespanne aus ihren Boxen, die durch eiserne Gittertüren verschlossen waren. Auf den Boden gemalte Linien hinderten die Lenker auf den ersten 170 Metern daran, die Bahnen zu kreutzen. Danach durfte man andere Wagen überholen und abdrängen. Oft kam es zu Karambolagen, Achsbrüchen und Unfällen, die zu schweren Verletzungen und Todesstürzen führten. Dieses passierte vor allem in den gefürchteten Linkskurven, da man hier nur mit großer Geschicklichkeit nicht stürzte.

Nach sieben Runden (ca. 8,5 km) war das Ziel erreicht. Der Sieger begab sich in eine Ehrenrunde. So dauerte ein Rennen meist eine Viertelstunde. Es ging einzig darum, welches Gespann als erstes über die Ziellienie ging. Ob der Lenker dabei noch im Wagen stand, war nicht so wichtig.

Der Sieger konnte hohe Preisgelder (Siegesprämien zwischen 15000 und 60000 Sesterzen pro Rennen) erreichen, da das Risiko hoch war, sich beim Rennen zu verletzen oder gar zu Tode zu stürzen. Der ideale Siegespreis bestand aus einem Palmenzweig oder grünen Kranz. Betrachtet man sein Vermögen, kann man einen siegreichen Wagenlenker mit den heutigen Formel-1-Piloten vergleichen.

Es gab vier nach Farben benannte Rennställe, die bei allen Rennen miteinander konkurrierten (bis zu drei Wagen eines Rennstalles nahmen an einem Rennen teil): die Grüne (prasina, in der Farbe des Frühlings), die Rote (russata, in der Farbe des Sommers), die Blaue (veneta, in der Farbe des Herbstes) und die Weiße (alba, in der Farbe des Winters). Kaiser Domitian erhohte die Zahl der Rennställe kurzfristig auf sechs, indem er eine goldene (aurea) und eine silberne (argentea) Mannschaft hinzufügte, die sich aber nicht lange hielten. Diese Parteien (factiones) verfügten über eigene Ställe, Materialschuppen, Trainingszentren, Pferde, Wagenlenker, Hilfspersonal und wurden vom Rennveranstalter, in der Regel ein Konsul, Prätor oder Ädil, beschäftigt. Ihre Anhängerschaft verfestigte sich und identifizierte sich völlig mit den Wagenlenkern ihrer Farbe und deren Farben. Viele Römer nahmen leidenschaftlich Stellung für eine bestimmte Partei ein und bangten um ihren Sieg. Man wollte seine Partei siegen sehen, sich im Freudentaumel mit Fans aus dem eigenen Lager gehen lassen und die Triumphe über die verhaßten anderen Farben genießen.

Quellen

- Greiner, W. und Petzl, B.: ROM - Ruinen erzählen;

Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag Ges.m.b.H und Co.KG 1998

- Stützer, Herbert A.: Das antike Rom, 7. Auflage (1987);

Köln: DuMont Buchverlag 1979

- Weeber, Karl W.: Alltag im alten Rom;

Düsseldorf,Zürich: Artemis & Winkler Verlag 1998 (Neuausg.)

- Wägner und Nack: ROM - Land und Volk der alten Römer;

Wien: Verlag Ueberreuter 1976

- Damals, Ausgabe 5/2000;

Stuttgart: Deutsche Verlags- Anstalt GmbH 2000

Julia Niemeyer 18.10.2000