Athen im 5. Jahrhundert

 

"Ihr Griechen seid ein kluges Volk, Ihr laßt
Die Andern alle spinnen und Ihr webt.
Das gibt ein Netz, wovon kein einz’ger Faden
Euch selbst gehört, und das doch Euer ist."

(Friedrich Hebbel: Gyges und sein Ring;
aus: Die kleine Geschichte der antiken Philosophie)

 

Athen, die "Hauptstadt der Philosophie"

Das Athen des 5. Jahrhundert v. Chr. gilt mit Recht als die Hauptstadt der Philosophie in der Antike. Hier lebten und wirkten die berühmtesten Philosophen wie Sokrates und Platon und hier fokussierten sich die Erkenntnisse der Wissenschaften. Die Einflüsse des gesamten Mittelmeerraumes wurden hier begierig aufgenommen und in Beziehung zueinander gesetzt.
Jeder neue Gedanke wurde beachtet und man versuchte, ihn in das allgemeine System einzuordnen, um ein vollständiges Weltbild zu schaffen.
Vor allem die Frage des Ursprungs aller Dinge, der letzte Grund, nach dessen Entdeckung keine Fragen mehr offenbleiben würden, interessierte die Philosophen im antiken Athen.

Aber warum wurde ausgerechnet diese Stadt in Griechenland zum Mittelpunkt der philosophischen Welt? Warum nicht Rom oder irgendeine andere Metropole?
Um diese Frage zu klären, müssen das Umfeld und etliche Einflussfaktoren genauer betrachtet werden. Im Folgenden werde ich mich mit einigen der relevanten Aspekte intensiver befassen.

 

Die Geschichte Athens

Die Besiedlung an der Stelle, wo heute Athen liegt, wird in das 3. Jahrtsd. v. Chr. eingeordnet. Die ursprüngliche Monarchie wurde im 6. Jh. durch ein einjähriges Archontenamt ersetzt. Danach folgte die lange Entwicklung von der Aristokratie zur Demokratie.
Nach einigen Umwegen über verschiedene Verfassungen und eine Tyrannis wurde im 4. Jh. erstmals der Begriff der Demokratie (= Volksherrschaft) geprägt. In der Zwischenzeit wurde das Scherbengericht zum Schutz vor einer erneuten Tyrannis eingeführt. Während der Perserkriege wurde Athen zweimal zerstört.
Bis zu seiner endgültigen Unterwerfung im 4. Jh. während des Peloponnesichen Krieges wechselte Athen noch mehrmals die Verfassung, kehrte aber immer wieder zur Demokratie zurück.
Immer wieder führte die mächtige Stadt Kriege gegen andere Städte und immer wieder wurden Kriege gegen sie geführt. Vor allem während der Kreuzzüge siegte oft das Christentum und verwandelte die Tempel Athens in Kirchen.
Athen wurde Herzogtum und Adelssitz. Im 15. Jh. stürmten die Türken die Stadt und siegten.
Griechische und türkische Herrschaft wechselten; erst im 19. Jh. zogen die Türken ihre Truppen ab. Bald darauf fanden in Athen erstmals in der Neuzeit die Olympischen Spiele statt. Im zweiten Weltkrieg besetzten die Achsenmächte Athen, das bei Kriegsende von den alliierten Mächten befreit wurde.
Heute erfreut sich die Stadt mit dem warmen Klima einer großen Beliebtheit bei Touristen und Kulturinteressierten. Sie gilt noch immer als die Stadt, in der die Philosophie ihren Ursprung fand.

 

Athens Verfassung

Das antike Athen ist die Stadt, die als erste überhaupt eine demokratische Verfassung hatte, auch wenn dies nicht von Anfang an so war (s. Geschichte). So setzt sich auch der Begriff "Demokratie" aus den beiden griechischen Wörtern "demos" (Volk) und "kratia" (Herrschaft) zusammen.
Nach der Abschaffung der letzten Tyrannis führte Kleistenes 508 die Demokratie ein, die sich dauerhaft etablierte und als günstig für die weitere Entwicklung des Staates erwies.
Dadurch, dass alle wahlberechtigten Bürger in der Politik großen Einfluss hatten, entwickelten sie eine starke Loyalität für die Polis. Das Volk hatte nicht, wie beispielsweise bei einer Monarchie, das Gefühl, nur für die Oberschicht zu schuften, sondern sah Regierung und Bürgerschaft als eine Einheit an. Sie arbeiteten dementsprechend hart, obwohl Berufspolitiker aus dem Adel die Leitung behielten.
Durch diesen immensen Arbeitseinsatz seitens der Bürger erlebte Athen vor allem während der Perserkriege und der Herrschaft Perikles‘ sozusagen ein "antikes Wirtschaftswunder".
Dieser wirtschaftliche Aufschwung begünstigte die Philosophie in Athen enorm. Da die Stadt immer reicher wurde, hatten vor allem Männer aus der Oberschicht viel Muße, sich mit wissenschaftlichen und philosophischen Problemen zu beschäftigen. Sie rätselten über den Bau der "kleinsten Teilchen", der Atome (gr. atomos = unteilbar) und schlugen sich mit mathematischen Problemen herum.

 

Handel und Kolonisation

Die zentrale Lage Griechenlands am Mittelmeer ist äußerst günstig für Handel und Schifffahrt, deshalb ist es nicht weiter erstaunlich, dass sich Griechenland zu einer bedeutenden Kolonial-, Handels- und Seemacht entwickelte. Griechische Kolonien entstanden in Italien, Sizilien, Spanien und Frankreich, ebenso wie rund um das Schwarze Meer.
Diese Ausbreitung des Griechentums sorgte nicht nur für einen vermehrten Reichtum in den Mutterstädten, sondern führte auch dazu, dass viele neue Kenntnisse und Ansichten aus den fernen Kolonien nach Griechenland vordrangen. Dort wurden sie von den heimischen Philosophen begierig aufgenommen. Sie versuchten, aus den unzähligen Thesen und Erkenntnissen ein allgemein gültiges System aufzubauen.
Ähnlich wie die Kolonisation wirkte sich auch der weitläufige Handel Athens im gesamten Mittelmeerraum aus. Athen hatte einen exponierten, ebenfalls bewohnten Hafen (Piräus), der durch eine lange Mauer wie durch eine Nabelschnur mit der eigentlichen Stadt verbunden war. Hier legten die Handelsschiffe an und wieder ab. Alle Importgüter bezahlte man mit athenischem Geld. Auf die Einfuhrwaren wurden Zölle von 2% des Warenwerts erhoben. Dadurch nahm die Stadt pro Jahr 30 000 Talente ein (1 Talent = 6 000 Drachmen).
So vergrößerte Athen seinen Reichtum immer mehr, Einflüsse aus aller Welt drangen heran.

 

Die Perserkriege

Die Ursache für den Ausbruch der Perserkriege war der Aufstand der griechischen Stadt Milet 500 v. Chr. Obwohl Athen und Eretria Schiffe nach Kleinasien sandten, wurde die Stadt von den Persern zerstört und die Einwohner verschleppt.
492 v. Chr. eroberten die Perser Thrakien, wurden aber 490 bei Marathon trotz einer deutlichen Übermacht ihrerseits von den Athener geschlagen.
480 v. Chr. vernichtete der Perserkönig Xerxes in einem dritten Perserzug Athen und besetzte Attika. Dennoch wurde er in der berühmten Schlacht von Salamis durch die geniale Taktik der Griechen, die deutlich in der Minderzahl waren, geschlagen.
Die mit den Persern verbündeten Karthager wurden 480 ebenfalls besiegt, als sie Süditalien und Sizilien angriffen.
Ein Jahr später wurden Attika und Athen erneut durch ein persisches Heer zerstört, das aber unter der Führung der Spartiaten geschlagen wurde. Nach diesem letzten Aufbegehren wurden die Perser grösstenteils von Athens Flotte aus dem Ägäischen Meer vertrieben.
449 v. Chr. schlossen Griechenland und Persien Frieden.

Durch ihre tragende Rolle in den Perserkriegen hatten die Athener ihren Ruf als ernstzunehmende Seemacht gefestigt. Daraus zogen sie natürlich kräftig Vorteile: Als beherrschende Seemacht kontrollierten sie auch den Handel der anderen Länder, da sie ihnen jederzeit den Seehandel unmöglich machen konnten. Athen hatte also immer das letzte Wort, was den Handel im gesamten Mittelmeerraum betraf. Die so vergrößerte Macht vermehrte logischerweise auch den Reichtum der Stadt.
Dies wurde auch dadurch unterstützt, dass Missernten durch Dürre oder ähnliches eine Seemacht weit weniger trafen, als andere Länder. Athen konnte jederzeit Waren aus nicht betroffenen Gebieten einführen.
Die athenische Philosophie erlebte durch die zweimalige Zerstörung der Stadt einen herben Rückschlag, da alle Bücher verbrannten. Die Philosophen gaben ihre Ansichten allerdings auch mündlich weiter, so, dass die Kriege sich nicht allzu vernichtend auswirkten.
Die Erneuerung der Athens verhinderte aber auch gleichzeitig jeden Stillstand, ständig in Bewegung kam die Stadt nie zur Ruhe sondern blieb eine pulsierende Metropole – ein ideales Klima für die Philosophie.

 

Der Attische Seebund

Der Attische Seebund entstand 477 v. Chr. als Bündnis im Kampf gegen Persien. Er wurde von Athen vorgeschlagen und umfasste mehr als 200 Mitglieder. Eigentlich sollte jedes Mitglied gleiches Stimmrecht besitzen, doch Athens Stimme hatte im Bund am meisten Gewicht, da es mit seiner Flotte den Hauptanteil an der Vertreibung der Perser gehabt hatte. Athen wurde zur Vormacht des Seebundes.
Die Athener nutzten ihre Stellung so aus, dass der Kampfbund immer mehr zu ihrem Herrschaftsinstrument wurde. Jedes Bündnismitglied musste Kriegsschiffe mit Besatzung bereitstellen, oder einen entsprechenden Geldbetrag zahlen. Sowohl die Flotte, als auch die Kasse wurden in Athen verwaltet, das keinem Mitglied den Ausstieg gestattete und die Beiträge zum Teil für eigene Bedürfnisse gebrauchte. Die Stadt griff in die Regierungsgeschäfte der Bündnispartner ein und bestrafte jede Vernachlässigung der Pflichten gegenüber dem Bund.
Alle Mitgliedsstaaten mussten die athenische Währung einführen.
Dieser erneute Zuwachs an Macht und Einfluss machte die Stadt noch reicher, was wiederum der Philosophie zugute kam, da der Staat die Wissenschaften mit mehr Geldern unterstützen konnte.

 

Der Peloponnesische Krieg

Der Peloponnesische Krieg (431 – 404 v. Chr.) war ein Krieg zwischen Athen und Sparta, das den Peloponnesischen Bund führte. Der Grund für die Kontroversen war vor allem das Machtstreben des Attischen Bundes (dessen Kopf Athen war). Als Vorwand diente eine Einmischung Athens in die Streitigkeiten zwischen Korinth und Korfu und die Unterstützung Korinths für die abtrünnige Stadt Megara, über die Athen eine Handelssperre verlegt hatte.
Da Athen von seiner Überlegenheit zu See natürlich genau wusste, versuchte es, den Krieg auf dem Meer auszutragen, weitete seine Flotte aus und überließ das Land den Peloponnesiern. Diese Taktik unter der Führung Perikles‘ bewährte sich, doch als dieser 424 an einer Seuche starb, änderte sich die Situation rapide. Die neue Heeresleitung führte eine Angriffspolitik durch und vernichtete jeglichen Vorsprung, den sich Athen herausgearbeitet hatte.
Zwischenzeitlich kam ein Friede zustande, mit dessen Bedingungen aber keine Partei wirklich zufrieden war und der Krieg brach bald wieder aus.
Der Anfang vom Ende kam für Athen, als die unterdrückten Mitglieder des Attischen Seebundes von der Stadt abfielen.
404 wurde Athen durch das Abschneiden der Handelswege zur Kapitulation gezwungen.
Die Stadt verlor sämtliche Gebiete bis auf Attika und Salamis und musste ihre Flotte bis auf zwölf Schiffe ausliefern. Die Langen Mauern, die Stadt und Hafen verbunden hatten, wurden zerstört. Die Vormachtstellung Athens war zerbrochen, die Stadt besiegt.
Diese Entwicklungen vernichten den einstigen Reichtum der Stadt gänzlich. Damit konnten die philosophischen Schulen nicht mehr auf die staatlichen Unterstützungen zählen.
Allerdings war die Konzentration der Athener nun nicht mehr auf den Krieg fokussiert. Ein athenischer Edelmann, der zuvor nur Wert auf eine militärische Ausbildung seiner Söhne gelegt hatte, schickte sie nun zusätzlich auf eine der Schulen, um ihnen auch eine wissenschaftliche Ausbildung zukommen zu lassen. Die philosophischen Einrichtungen hatten wieder Nachwuchs. In Kriegszeiten hatte wohl kaum ein junger Adliger Zeit, sich mit dem Ursprung der Menschheit zu beschäftigen.

 

Quellenangaben

1) Brockhaus-Enzyklopädie. Bd. 2 / 16. Mannheim 1987

2) Ziegler, Konrad / Sontheimer, Walther: Der kleine Pauly. Lexikon der Antike. Bd. 1. Alfred Druckenmüller Verlag. Stuttgard 1964

3) Bux, Ernst / Schöne, Wilhelm / Lamer, Hans / Kroh, Paul: Wörterbuch der Antike. Kröners Taschenbuchausgabe Bd. 96. Auflage. Alfred Kröner Verlag. Stuttgard 1966

4) Röd, Wolfgang: Die kleine Geschichte der antiken Philosophie. Limitierte Sonderauflage. Verlag C. H. Beck. München 1998

5) Schmid, Heinz Dieter: Fragen an die Geschichte. Bd. 1. Weltreiche am Mittelmeer. Hirschgrabenverlag. Frankfurt a. M. 1980

6) Hug, Wolfgang / Busley, Hejo: Geschichtliche Weltkunde. Bd. 1. Von der frühen Zeit der Menschen bis zum Beginn der Neuzeit. Verlag Moritz Diesterweg. Frankfurt a. M. 1979

Marleen Pöhler

21.12.1999