Die
Musen
Die Musen sind Töchter des Zeus und der Mnemosyne. Sie sind Göttinnen der schönen Künste, der Musik und Literatur, später auch der geistigen Beschäftigungen im weiteren Sinne, wie der Geschichte, der Philosophie und der Astronomie.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit läßt sich ihr Name von dem lateinischen mens ableiten. Für die Bedeutung ergeben sich somit grundsätzlich zwei Möglichkeiten: "Die Sinnende", also eine eher intransitive Bedeutung des Wortes, oder "Die Erinnernde", was einer transitiven Bedeutung gleichkommt. Eine weitere Möglichkeit wäre auch die Bezeichnung "Die Kräftige". Die Wahrscheinlichkeit hierfür ist jedoch geringer als die Bedeutungen "Die Sinnende" oder "Die Erinnernde", da sie als Bezeichnung einer Gottheit doch sehr allgemein ist. Es bleibt die Frage, ob überhaupt zwischen der "Sinnenden" und der "Erinnernden" unterschieden werden muß, denn schon Homer betonte die Einheit von "Sinnen" und "Erinnern". In Bezug auf diese Bedeutung des Namens wurde auch Mnemosyne, die Göttin des Gedächtnisses und der Erinnerung, als Mutter angesetzt.
Nicht ganz eindeutig ist auch die Anzahl der Musen. Ursprünglich war ihre Zahl auf drei beschränkt, Melete (Übung, Praxis), Mneme (Gedächtnis, Erinnerung) und Aoëde (Lied). In Delphi benannte man sie nach den drei Seiten der frühen Leier: Unten, Mitte, Oben (Nete, Mese, Hypate). Von Hesiod dagegen rührt die traditionelle Neunzahl her. Und auch bei Homer treten sie bereits als Gruppe von neun Schwestern auf.
Die Musen hatten in Pierien östlich des Olymp (Pierische Musen), am Helikon in Boiotien (Biotische Musen, Quelle Hippokrene) und auf dem Parnaß bei Delphoi (Delphische Musen, Quelle Kastalia) ihre Wohnstätten, die oft an Quellen und Bächen lagen. Trotz ihrer starken Beziehung zu den Quellen sind die Musen nicht mit den Quellnymphen gleichzusetzen. Auch bei Festlichkeiten auf dem Olymp waren die Musen anwesend. Dort tanzten und sangen sie unter der Führung Apollons, der in dieser Funktion den Beinamen Musagetes trägt.
Hesiod gab den Musen ihre Namen, während ihre Funktionen erst viel später und auch dann nicht völlig eindeutig festgelegt wurden. Man unterscheidet meist folgende Musen, die in der bildlichen Darstellung durch entsprechende (mitunter allerdings wechselnde) Attribute gekennzeichnet wurden:
Name |
Aufgabenbereich | Attribute |
| Kalliope
"die Schönstimmige" |
Hauptmuse;
Epische Dichtung und Wissenschaft |
Schreibtafel oder Buchrolle und Griffel |
| Kleio (Klio)
"Ansehen, Ruf" |
Geschichte | Buchrolle und Griffel oder Bücherkiste |
| Euterpe
"Frohsinn" |
Flötenspiel
(und von der Flöte begleitete lyrische Dichtung) |
Doppelflöte |
| Terpsichore
"Freude am Tanz" |
Chordichtung und Tanz | Lyra und Plektron |
| Erato
"die Liebliche" |
Gesang, Tanz und Liebesdichtung | Saiteninstrument |
| Melpomene
"die Singende" |
Tragödie und Trauergesang | tragische Maske,
Keule und Kranz mit Weinlaub |
| Thaleia (Thalia)
"Fülle, froher Mut" |
Komödie und Unterhaltung | komische Maske, Efeukranz und Krummstab |
| Polyhymnia
"viele Lieder" |
Tanz, Pantomime, Geometrie | meist ohne Attribute, manchmal mit Buchrolle |
| Urania
"die Himmlische" |
Astronomie | Himmelsglobus und Zeigestab |
Einzig die Zuordnung Uranias ist eindeutig.
Im allgemeinen wurden die Musen als geflügelt dargestellt. Insgesamt stehen sie für die Schönheit des Gesanges. Die Musen waren sehr auf ihre Ehre bedacht und straften alle Sterblichen, die es ihnen in der Kunst des Gesanges gleichtun wollten. So verloren zum Beispiel die Sirenen nach ihrer Niederlage im Sangeswettstreit ihr Gefieder. Der thrakische Sänger verlor sein Augenlicht und seinen Gesang. Dem blinden Demodokos dagegen verliehen sie als Ersatz für sein Augenlicht die Kunst des Gesanges. Einmal forderten die Pieriden (die neun Töchter des Makedonen Pieros und seiner Frau Euippe) die Musen zu einem Wettstreit auf und verloren. Zur Strafe für ihre Überheblichkeit wurden die Pieriden in Dohlen verwandelt.
Die Bedeutung der Musen ergibt sich aus ihrer Beliebtheit bei den Dichtern, die ihnen ihre Inspiration zuschrieben und um ihren Beistand zu bitten pflegten. Die Anrufung der Muse zu Beginn eines Werkes gehörte seit Homer zur Tradition der antiken Dichtkunst.
Vergil und die Anrufung der Muse in der "Aeneis"
Der Dichter und die Vorgeschichte.
Holzschnitt aus der 1502 in Straßburg gedruckten Vergilausgabe
Der Dichter Vergil schrieb sein Werk "Aeneis" in Anlehnung an die "Ilias" und die "Odyssee" von Homer. So enthält das Prömium der "Aeneis" auch die Anrufung der Muse, um sich inspirieren zu lassen. Sie lautet:
In lateinischer Fassung: |
In freier Übersetzung: |
| Musa, mihi causas memora, quo numine laeso quidve dolens regina deum tot volvere casus insignem pietate virum, tot adire labores impulerit, Tantaene animis caelestibus irae? | Muse, nenne mir die Gründe, durch welche verletzte Gottheit oder worüber traurig die Königin der Götter es unternommen hat, daß ein mit Frömmigkeit ausgestatteter Mann so viele Unglücksfälle erleidet und so viele Mühen durchsteht. Ist der Zorn in den Herzen der Götter so groß? |
Jedoch ist die Muse bei Vergil nicht dazu berufen wie im Proömium der "Odyssee", den Helden zu benennen. Die "Aeneis" beginnt in der Ich-Form (cano "ich singe"), Vergil selbst nennt den Helden des Epos, Aeneas. Die Anrufung der Muse erfolgt erst im Anschluß. Sie soll dem Dichter die Gründe nennen, warum die Göttin Iuno in so unverständlich unerbittlicher Weise erzürnt ist über Aeneas. Die Aufschiebung des Musenanrufs und die statt dessen gewählte Ich-Form läßt auf ein größeres Selbstbewußtsein Vergils schließen. Das mythische Zeitalter neigt sich dem Ende zu. Die Anrufung der Muse fungiert bei Vergil als Stilmittel.
Das oben zu sehende berühmte Vergil-Mosaik aus Hadrumentum (heute: Sousse/Tunesien) aus dem 3. Jh. n. Chr., das sich heute im Bardo-Museum in Tunis befindet, zeigt Vergil sitzend zwischen zwei stehenden Musen mit einer schon etwas aufgerollten Buchrolle, in der die Musenanrufung Musa mihi causas memora zu lesen ist. Der Dichter dieser Verse, Vergil, entspricht einer spätantiken Beschreibung: Er war körperlich von hoher Statur, hatte dunkelbraune Hautfarbe und bäuerliches Aussehen (Vita Donati 8). Bei der linken Muse, die aus einer Schriftrolle liest, handelt es sich um Kalliope, der Muse des Epos. Die rechte ist wegen ihres Theaterkostüms und der Maske offensichtlich die Muse der Tragödie, Melpomene. Durch diese bildliche Darstellung wird die Mittelstellung der "Aeneis" zwischen Erzählung und Drama symbolisch zum Ausdruck gebracht.
Quellen:
- Vergil Aeneis, ratio Band 38, C.C.Buchners Verlag, Bamberg
- Vergil Aeneis Kommentar, ratio Band 38, C.C.Buchners Verlag, Bamberg
- Vergil Aeneis, Werner Suerbaum, Reclam Verlag
- Der kleine Pauly, Lexikon der Antike in 5 Bänden, Bd. 3, Alfred Druckenmüller Verlag, Stuttgart
- Herbert Hunger, Lexikon der griechischen und römischen Mythologie, Wien
- Herders Lexikon, Griechische und römische Mythologie, Herders Verlag, Freiburg
- Brockhaus, Enzyklopädie in 24 Bänden, Bd. 15 MOE NOR
- Michael Grant / John Hazel, Lexikon der antiken Mythen und Gestalten, dtv
Bilderverzeichnis:
- Zeus und Mnemosyne: Herders Lexikon
- Aeneis Holzschnitt: Vergil Aeneis, ratio Band 38
- Vergil-Mosaik: Vergil Aeneis Kommentar, ratio Band 38
Inga Hafemann
05.04.00