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Die Sybille Deïphobe von Cumae
(Michelangelo Buonarroti, 1475-1565; Rom, Vatikan, Sixtinische Kapelle) |
1. allgemeine Einführung
a) Sybillen
b) Cumae
2. Sybille von Cumae und Apollon
3. Sybillinische Bücher
4. Sybille von Cumae in der Literatur
5. Quellen
1. allgemeine Einführung
a) Sybillen
"Ausgehöhlt ist Cumaes Fels zur riesigen Grotte;
breit ziehn hundert Schächte hinab, der Mündungen hundert,
hundertfältigen Lauts dröhnt auf der Spruch der Sybille.
Kaum an der Schwelle, begann die Jungfrau: Zeit ist , zu flehn um
Schicksalsspruch. Der Gott, der Gott! So rief sie,
stand am Tor, jäh wechselt ihr Antlitz, wechselt die Farbe,
hoch auf flattert ihr Haar, hart keucht ihre Brust, voller Wut schwillt
wild ihr Herz, hoch wächst sie und wächst, kein sterbliches Wort mehr
spricht sie, steht im Anhauch ganz des näher und näher waltenden Gottes."
(Aeneis, Vergil, Buch VI, 42-51)
So wird in der Aeneis von Vergil die Begegnung der Heldenfigur mit derSybille von Cumae (auch Deïphobe) geschildert, die ihm zum Goldenen Zweig verhalf, mit dem er von ihr geleitet in die Unterwelt zu seinem Vater hinabsteigen konnte. Allgemein ist Sybille ein Begriff griechischer Herkunft, der eine (oft in Ekstase) weissagende Frau bezeichnet, die auch ohne Aufforderung durch Dritte Prophezeiungen (meist Unheil, in Rätselform) macht. Ursprünglich gab es nur eine Sybille aus Marpessos bei Troja. Da sie sich dem Dienst Apollons unterstellte, gab dieser ihr die Kraft zur Weissagung. Sie erlangte schnell Ruhm, so dass Sybille bald zu einem Gattungsbegriff für weissagende Frauen wurde und viele Orte eine Sybille für sich beanspruchten. Neben der Sybille von Cumae gab es zeitweilig noch neun andere, darunter die delphische und die erythräische Sybille.
b) Cumae
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Cumae (auch Cuma oder Kyme) liegt am Avernersee in der Nähe von Neapel. In der 1. Hälfte des 8 Jh. v. Chr. ließen sich dort die Griechen nieder, die den Ureinwohnern neben ihrem Alphabet auch ihren Götterglauben "mitbrachten". Dazu gehörte natürlich auch Apollon, dem die Sybillen gemäß der ersten seine Tempel hüteten. So bekam schließlich auch Cumae seine eigene Sybille, die als eine der berühmtesten Sybillen gilt. Beim Avernersee, dessen Name sich vom griechischen Wort aornithos (ohne Vögel) ableitet, was bedeutet, dass an diesem See noch nicht einmal Vögel, geschweige denn andere Tiere verweilen, fand man am Anfang des 20. Jh. eine römische Krypta, die den Burgberg von Cumae untertunnelt. Geleitet von Vergils Beschreibungen fand der italienische Archäologe Professor Amedeo Maiuri 1932 das Heiligtum der Sybille, das nahe der Tunnelanlage liegt. Ein trapezförmiger Gang führt hier zur Grotte der Sybille (siehe nebenstehendes Bild). Von dort brachte die Sybille von Cumae Aeneas zur Unterwelt.
2. Sybille von Cumae und Apollon
Bei der Begegnung mit Aeneas war die cumäische Sybille bereits 700 Jahre alt. Sybillen waren jedoch nicht unsterblich. Die Sybille von Cumae sollte 1000 Jahre alt werden. Dieses Alter hatte sie sich von Apollon erschlichen, allerdings mit für sie unschönen Folgen: Apollon wollte unbedingt, dass die Sybille von Cumae zu seiner Geliebten wird. Sie willigte unter Bedingung ein, so alt werden zu dürfen, wie ein Kehrrichthaufen Staubkörner enthält. Diese Zahl betrug 1000. Obwohl sie Apollon verschmähte, erfüllte dieser ihr ihren Wunsch; nur hörte sie nicht auf zu altern, da sie sich nicht gleichzeitig die ewige Jugend gewünscht hatte. Zum Schluss lebte sie völlig eingeschrumpft in einer von der Höhlendecke hängenden Flasche, und ihr einziger Wunsch war, endlich zu sterben.
3. Sybillinische Bücher
Bekannt wurde diese Sybille besonders durch die sog. Sybillinischen Bücher. Hierbei handelt es sich um drei Bücher, die von 15 ausgewählten Priestern (quindecimviri) in Gefahrenzeiten befragt wurden. Die genaue Prozedur ist nicht bekannt. Vermutlich wurde ein beliebiger Zettel ausgewählt und der Lage entsprechend gedeutet. Durch diese Ratschläge wurden verschiedene neue Kulte eingeführt. So gab es im Jahre 400 v.Chr. neben einem Krieg einen äußerst strengen Winter und einen ebenso trockenen Sommer, was die Römer fast zur Verzweiflung trieb. Die Sybillinischen Bücher empfahlen die Einführung einer öffentlichen Göttermahlzeit, um diese zu besänftigen. Dieses Spektakel (lectisternia), bei Götterstatuen Essen vorgesetzt bekamen, lenkte die Römer sicherlich zumindest kurzfristig von ihrem Elend ab. Ihren Namen bekamen die Sybillinischen Bücher dadurch, dass die Cumäische Sybille sie in der Gestalt einer alten Frau zu einem horrenden Betrag dem letzten König Roms, Tarquinius Superbus (534-510 v.Chr.), anbot. Der aber schlug das Angebot aus, die zunächst neun Bücher zu diesem Preis zu kaufen. Da verbrannte die Sybille drei der Bücher und bot sie dem König abermals zum gleichen teuren Preis an, was dieser wiederum ablehnte. Die Sybille übergab noch drei Bücher den Flammen. Die restlichen drei offerierte sie erneut dem König. Dieser war nachdenklich geworden und griff schließlich zu.
Von da ab wurden die drei Sybillinischen Bücher unter dem Jupitertempel auf dem Kapitol aufbewahrt, bis sie dort bei einem Feuer 82 v.Chr. verbrannten. Dafür legte man als Ersatz eine Sammlung von griechisch abgefassten Versen an, die aus Italien, Griechenland und Kleinasien stammten. Diese Sammlung wurde von Augustus in zwei vergoldeten Schreinen im Apollontempel auf dem Palatin aufbewahrt.
4. Sybille von Cumae in der Literatur
Besonders der Literatur ist zu verdanken, dass die Sybille von Cumae so lebendig blieb, vor allem durch die am Anfang angesprochene Rolle, die sie in Vergils "Aeneis" spielt. Daneben erwähnt auch Ovid sie in seinen "Metamorphosen" als Stimme Apollons. Aber auch in moderner Literatur findet man die Sybille, so in Robert von Ranke Graves historischen Roman "Ich, Claudius, Kaiser und Gott", wo der spätere Kaiser Claudius die Sybille nach seinem künftigen Schicksal befragt. So bleiben die Sybille von Cumae und die sich um sie rankenden Legenden lebendig.
5. Quellen
1. Das große Buch der Vornamen, Engel Verlag, München
2.Golf von Neapel; Die Küsten × Ischia × Capri, Dumont Richtig Reisen
3.Ich, Claudius, Kaiser und Gott, Robert Ranke Graves, dtv
4.Lexikon der antiken Mythen und Gestalten,Michael Grant/John Hazel, dtv
5.Sagen der Römer Leipzig, 1980
6."...und bauten die Tempel wieder auf", Religion und Staat im Zeitalter des Augustus, Robert M. Ogilvie, Klett Cotta
7. www.ewetel.net/~martin.bode/Cumae.htm
8. Übersetzung aus: Johannes Götte (Hrsg.):"Vergil, Aeneis. Lateinisch-Deutsch", 4. Aufl., München 1979, S.225
Stefanie Siever 26.02.2000